Lebensmittel retten und Bedürftige unterstützen

18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen laut WWF jährlich in Deutschlands Müll. Das ist vergleichbar mit dem Gewicht von rund 129 000 Blauwalen. Julia Weber, Executive Chef und Betriebsleitern des Restaurants Castello in Hameln hat sich dies zu Ändern zur Lebensaufgabe gemacht. Julia hat uns Einblicke in ihr Projekt „Alma – Lebensmittel retten “ gegeben und erklärt worauf es dabei ankommt.

Wie bist du auf die Idee gekommen?

Zu aller Erst herzlichen Dank für Deine Einladung Dayana – ich bin Julia Weber und ich rette Lebensmittel und unterstütze damit bedürftige Menschen. 

Ich habe durch Kontakte in Frankreich und Belgien gesehen, wie man dort mit Lebensmitteln umgeht. Dort gibt es schon lange andere Gesetze, die es verbieten, genießbare Lebensmittel zu entsorgen. Denn Groß- und Einzelhandel müssen Lebensmittel umsonst zu Verfügung stellen und dürfen sie nicht einfach wegschmeißen. Dafür gibt es spezielle Supermärkte, denen meist ein Bistro oder Restaurant angeschlossen ist. Zu Recht unterliegen zum Beispiel Fisch und Fleisch anderen Regeln. Nur in 2011, als mir die Idee kam, gab es keine Restaurants, die Lebensmittel retten. Tafeln dürfen kein Fisch oder Fleisch retten, ich als Restaurantbetreiberin schon. Da sehe ich die Lücke und deshalb habe ich das soziale Foodprojekt „Alma“ gegründet.

Du sagst, du rettest Lebensmittel, wie geht das?

Die Lebensmittel kommen aus ganz verschiedenen Quellen und von verschiedenen Spendern. Es sind, wie vielleicht weitläufig vermutet, nicht MHD-Waren, sondern fast immer top frische Waren, die eventuell bestellt aber nicht abgeholt wurden. In 2017 gab es eine Zucchini Schwämme. Das waren so viele, dass sie auf dem Feld blieben. Wir durften sie sammeln und konnten tolle Gerichte zaubern. Ein anderes Beispiel sind Betriebsferien. Eine Biohändlerin hat uns für unser Weihnachtsspendenessen gesagt: Julia, nimm was du gebrauchen kannst, wir gehen jetzt eh 2 Wochen in den Urlaub. Andere spenden Einkaufsgutscheine – Es ist ein breites Feld mit vielen Möglichkeiten.

Wieso ist " Lebensmittel retten " ein wichtiges Thema?

Ich denke es macht viel mehr Sinn, wenn man Lebensmittel retten kann. Lebenmittel wegzuschmeißen, wenn wir in Deutschland Kinderarmut, Altersarmut usw. haben, ist einfach sinnlos. Zudem ist es wenig ökologisch, dass wir 50% des weltweit produzierten Getreides an Massentierhaltung verfüttern, aber allein in Deutschland 20.000.000 Millionen Schweine schlachten und wegschmeißen. Ich persönlich habe zum Teil bei meiner Oma gelebt und sie sagte schon immer als Frau die den Krieg miterlebt hat, dass man Essen nicht wegschmeißt. „Man gibt es, wenn dann, weiter“, – habe ich dann immer geantwortet und wir lächelten uns an.

Welche Schwierigkeiten bringt das Thema mit sich?

Zurzeit laufen Castello Hameln und Projekt „Alma“ unter demselben Dach. Öfters passiert es, dass ich den Laden voll mit Gästen kriege, die mein Projekt “ Lebensmittel retten “ unterstützen. Da bleibt kein Platz für meine regulären Gäste und andersrum. Ich kann mir schon vorstellen, dass ich in einem separaten Objekt noch viel mehr Gäste von der Idee begeistern kann. Aktuell ist es von der Buchhaltung und Kassenführung auch nicht vorteilhaft.

Zudem ist es schade, dass Deutschland sich nicht längst ein Beispiel an Frankreich nimmt und die Gesetze endlich ändert!

Lebensmittel-verzaubert

Wie kann man Dich unterstützen?

Auch hier gibt es viele Möglichkeiten. Ehrenamtliche Helfer, Lebensmittelspenden oder Gutscheine. Auch unsere Posts Teilen kann helfen.

Unsere normal zahlenden Gäste unterstützen automatisch mit ihrem Besuch bei uns auch das Projekt. Viele legen immer wieder ein paar Euro extra hin und das wandert dann in unsere Spendenkasse. So finanziert es sich, dass immer wieder Personen ganz umsonst essen können. Ansonsten habe ich Gerichte aus den gespendeten Lebensmitteln zusätzlich zu der normalen Karte. Auch Firmen unterstützen immer wieder das Projekt. Ich würde mich zum Beispiel über eine genauere Rechtsberatung freuen, um eventuell eine extra Organisation/Verein/Firma gründen zu können. Dazu möchte ich auch genauer die rechtlichen Möglichkeiten in Deutschland zum Lebensmittel retten erkunden.

Es gibt einfach, zu Recht, strenge Regeln,

wann ein Händler zu welchen Bedingungen etwas weitergeben darf. Beispiel: die Metro arbeitet gut mit uns zusammen, jedoch ist bei 50% Rabatt auf den ursprünglichen Kaufpreis Schluss. Dann landeten die Lebensmittel halt in der Tonne – und das Tonnenweise pro Monat. Ich würde gerne rechtssichere Kooperativen bilden und möchte meinen potentiellen Partnern einfach Rechtssicherheit geben. Kein Bauer oder Storemanager schmeißt doch gerne seine Produkte weg. Gerade damit auch niemand denkt, dass ich gespendete Lebensmittel im Restaurant verkaufe, wünsche ich mir einen eigenen Laden für das Projekt „Alma“.

Lebensmittel retten Castelo Hammeln

Welche Personengruppen erreichst du mit diesem Konzept?

Viele denken sofort an „sozial schwache“ Menschen – Randgruppen. Meine Erfahrungen sind ganz anders. Junge Menschen, studiert, nach 1,5 Jahren erfolgreich im Beruf und dann schwer an Krebs erkrankt – überlebt aber arbeitsunfähig. Nie wieder zum Geburtstag mal ausgehen? Wir haben viele Teilnehmer, die jung und arbeitsunfähig sind. Viele Rentner feiern nach Jahren endlich mal wieder ihren Hochzeitstag außerhalb. Mütter können ihren Kindern bei uns eine Geburtstagsparty ermöglichen, die dieses Kind sonst einfach nicht hätte. Wir haben im Landkreis Hameln Pyrmont über 20.000 Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten. Also am Existenzminimum. Hartz 4 und ALG1 nicht mitgezählt…

Sollen all diese tausenden Menschen nie völlig entspannt mal genießen? Feiern? Ausgehen?…einfach eine, für uns alltägliche, Lebensqualität genießen. Genau das ist mein Ziel. Wir sind alle Menschen und sollten uns auch gegenseitig so behandeln.